GPI Nr. 1/2003

 

 

 

 


 


5 Fragen an Stefan Wild, Vorstandsmitglied SGGP

Frage 1: Stefan Wild, wer sind Sie?
Ich bin Schweizer und freue mich täglich in einem landschaftlich so schönen, kulturell vielfältigen Land leben zu dürfen. Seit Ende Januar 2003 bin ich zweifacher Vater. Zusammen mit meiner Frau und unseren 2 Söhnen wohnen wir in Niederlenz (neben Lenzburg, AG). Im Kanton Aargau habe ich auch die Schulen bis zum Abschluss der Matura besucht. Meine Lehr- und Wanderjahre startete ich in Basel, wo ich mich zuerst zum eidgenössischen Turn- und Sportlehrer ausbilden liess. Danach widmete ich mich intensiv dem Pharmaziestudium. Das 4. und 5. Studienjahr sowie das Staatsexamen absolvierte ich in Lausanne. Nach zwei Jahren in der Offizin zog es mich in die Berufspolitik. Als Leiter der Abteilung Politik und Wirtschaft arbeitete ich während 7 einhalb Jahren beim Schweizerischen Apothekerverband. Seit nun 4 Jahren bin ich bei MSD (Merck Sharp & Dohme-Chibret AG) als " Aussenminister " (External Affairs Director) tätig.

Frage 2: Sie waren früher Leiter der Abteilung Politik und Wirtschaft beim Schweizerischen Apothekerverein: wie beurteilen Sie heute die künftige Stellung des Apothekers in der Gesundheitsversorgung? Hat er überhaupt eine Zukunft?
Der Apotheker kann auch künftig eine sehr starke Position in der schweizerischen Gesundheitsversorgung einnehmen. Er ist sich das aber auch heute noch viel zu wenig bewusst. Zu lange lebte er in einem geschützten (kartellistischen) Raum und musste sich dem Wettbewerb nicht stellen. Konzentriert sich der Apotheker auf seine Stärken (Medizinalperson, profundes Fachwissen, hohe Glaubwürdigkeit, Nähe zum Kunden/Patienten, etc.) und baut gegenüber Patienten und Kunden seine Tätigkeit als Gesundheitsdienstleister und nicht als Medikamentenlogistiker aus, ist seine Zukunft sogar rosig. Mit der neuen leistungsorientierten Abgeltung hat der Schweizer Apotheker einen ersten grossen Schritt Richtung Gesundheitsdienstleister getan. Im Sozialversicherungsbereich (regulierter Markt) sollte der Apotheker neben der Rezeptausführung zusätzliche Dienstleistungen wie Patientenbetreuung, Complianceförderung, etc. anbieten. Auch im Selbstmedikationsbereich (freier Markt) muss er die Dienstleistungen transparent ausweisen, aufwandgerecht in Rechnung stellen und sich endgültig von der traditionellen und heissgeliebten Prozentmargen-Bezahlung verabschieden. Schlussendlich ist es aber wie in allen anderen Berufssparten: Unternehmertum, Innovation, Kreativität, Kommunikation und der Fokus auf die Kunden/Patientenwünsche sind Grundpfeiler des (zukünftigen) Erfolges.

Frage 3: Ihre Arbeitgeberin, MSD (Merck Sharp & Dohme-Chibret), ist ein Big Player im Pharmamarkt. Trotzdem ist sie in der Schweiz weniger bekannt als ein Teil ihrer Konkurrenten. Worauf führen Sie das zurück?
Als weltweite Nummer 3 gehört Merck & Co wirklich zu den Big Player der forschenden Pharmaindustrie. In den letzten 7 Jahren konnte MSD Patienten und Ärzten 15 neue, innovative Medikamente zur Verfügung stellen. Darunter finden sich unter anderem wesentliche Neuerungen und Fortschritte bei der Behandlung der Osteoporose, der Arthrose des Athmas sowie der Hirn- und Herzschlagvorbeugung. Merck & Co hat sein Stammhaus in den USA. Bei uns bekanntere Mitkonkurrenten wie Ares Serono, Roche und Novartis haben ihre Mutterhäuser in der Schweiz und sind deshalb viel attraktivere Medienziele. Mit über 15 % aller Schweizer Exporte erreichen sie einen meist unterschätzten grossen volkswirtschaflichen Mehrwert. Zusätzlich dürfen in Europa Pharmafirmen immer noch nicht über ihre Produkte informieren. Dieser in der Industrielandschaft einzigartige "Maulkorb" hat dazu geführt, dass gerade auch im Ausland domizilierte grosse Pharmafirmen gar nie gelernt haben, mit der Öffentlichkeit und ihren Endkunden aktiv in einen Dialog zu treten.

Frage 4: Wenn Sie bei den Medikamentenkosten für die Grundversicherung Einsparungen vornehmen müssten, wo würden Sie dies tun und warum?
Ich nehme es vorweg. Medikamentenkosten in der Grundversicherung einsparen zu wollen ist kontraproduktiv. Schon heute werden nur 30 Prozent der in der Schweiz von der SWISSMEDIC zugelassenen Medikamente von der sozialen Grundversicherung bezahlt. Das ist eine europäischer Tiefstwert. Wird weiter eingeschränkt, kommt das der verpönten Rationierung gleich, was zu Qualitätsverlust und zur Verminderung des oft geforderten Wettbewerbes unter den Medikamentenherstellern führt. Ich bin sogar überzeugt, dass die Medikamentenkosten in der Grundversicherung in 4-5 Jahren von heute 20 auf 25 Prozent ansteigen werden. Mit der Möglichkeit zur individualisierten Therapie (Genomics) und den vielen Innovationen in den pharmazeutischen Produktepipelines werden sich die medikamentösen Therapiemöglichkeiten vor allem in der Tiefe aber auch in der Breite erweitern. Diese Entwicklung weckt heute noch ungeahnte Begehrlichkeiten der Patienten, was zu einem Ausgabenwachstum im Medikamentenbereich führen wird. Ob wir uns das noch alles in der Grundversicherung leisten wollen, ist eine andere Frage. Doch solange wir in der Schweiz immer noch doppelt so viel für die Mobilität (20 % des BIP) ausgeben, ist die Obergrenze der Finanzierbarkeit im Grundversicherungsbereich noch lange nicht erreicht, auch wenn das von den Medien immer wieder herbeigeschrieben wird.


Frage 5: Wenn Sie sich die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen: was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Ich bin ein grosser Befürworter des neuen Krankenversicherungsgesetzes. Trotz viel Kritik sind wir dank dem KVG auf einem typisch Schweizerischen Kompromissweg. Der angestrebte "Fünfer und Weggli Spagat" zwischen staatlicher Regulierung, sozialer Abfederung, Zulassung von medizinischen und pharmazeutischen Innovationen für ALLE und intensiviertem Wettbewerb führt zu intensiven gesundheitspolitischen Debatten vom Stammtisch bis ins Bundeshaus. Die breit geführte Diskussion verhindert auf der einen Seite die grossen Würfe, macht aber auf der anderen Seite zeitgemässe Anpassungen möglich und fördert den steten Reformwillen. Leider wird die gesundheitspolitische Brisanz von gewissen Kreisen missbraucht. Es fehlt an Ehrlichkeit. Schwarz Peter ist Trumpf und Luftschlösser werden gebaut. Wollen wir aber auch in Zukunft ALLEN Schweizern ein erstklassiges, hochqualitatives Gesundheitssystem anbieten, braucht es grosse Investitionen - von ALLEN. Mehrausgaben sind die Folge und die überall geforderten Kostensenkungen sind infolge der demographischen Entwicklung realitätsfremd, ausser wenn massiv Leistungen abgebaut würden. Die unvermeidbaren Kostensteigerungen sollen aber den Willen zu Optimierungen nicht bremsen. Dessen muss sich auch die Bevölkerung bewusst werden. Schweizer Erstklass-Medizin hat seinen Preis und ist nicht zum Nulltarif zu haben. Jeder Bürger muss in seine eigene Gesundheit investieren - und das heisst nicht nur Prämienzahlen.


Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 1/2003.