GPI Nr. 3/2001

 

 

 

 


 


Replik zum Leserbrief von Prof. Peter Atteslander, Port

In seinem Leserbrief im GPI Nr. 2 vom Juni 2001 sagt Atteslander: "Der Weg zur Wahrheit beginnt mit der Sorgfalt im Umgang mit der Sprache." Ich bin ganz seiner Meinung. Deshalb gleich vorweg zwei Fehler in seinem Zitat. Der Titel unseres Berichts heisst "…Successful Efforts to Control [Tobacco] Policy Making…" und der Name des Instituts an der University of California in San Francisco heisst korrekt "Institute for Health [Policy] Studies". Auf der Titelseite unseres Berichts steht: "Supported in part by Swiss National Science Foundation Grant …to the first author…". Als ich den Bericht mit Stanton Glantz verfasste, dem die Studie von der WHO in Auftrag gegeben wurde, war ich ein Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds, welcher einerseits teilweise für meine Lebenskosten während der klinisch-wissenschaftlichen Weiterbildung an der UC San Francisco, andererseits für die Einschreibegebühren an der School of Public Health der UC Berkeley aufkam, wo ich einen Grossteil des Berichts als Diplomarbeit zur Erlangung des Master of Public Health schrieb. Nirgendwo steht es, dass die Studie vom Schweizerischen Nationalfonds in Auftrag gegeben und die Studie selbst finanziert wurde. Wie Atteslander zu Recht sagt, ist die University of California at San Francisco eine renommierte Universität, wo Stanton Glantz Professor der Medizin und Health Policy Studies ist. Von Missbrauch des Siegels kann also keine Rede sein.

In unserem Bericht unterstellen wir Atteslander, im Gegensatz zu ihm, gar nichts. Alle unsere Aussagen über ihn sind belegt durch eigene Dokumente der Tabakindustrie. Deshalb können wir ihn diesbezüglich nur unterstützen: Lesen Sie den Bericht, und noch besser, die Originaldokumente, und urteilen Sie selbst. Wenn Atteslander behauptet, er habe seine Beziehungen immer offengelegt, dann muss er dies zunächst einmal unter Beweis stellen. Wenn seine Beziehungen zur Tabakindustrie (und ihren Verbündeten, wie z.B. die Werbeindustrie und vermutlich auch der Gewerbeverband) doch noch an die Öffentlichkeit gelangt sind, dann nur unfreiwillig und meistens nachdem der Schaden schon angerichtet war. Als Beispiel sei erwähnt, dass ein Leserbrief an eine renommierte medizinische Zeitschrift im Jahre 1994 auf das Ersuchen der Tabakindustrie erfolgte, Atteslander dies aber mit keinem Wort erwähnte (siehe Bericht www.library.ucsf.edu/tobacco/swiss S. 47 und 48). Auch im weiteren Verlauf der für die Autoren der Originalstudie SAPALDIA zermürbenden und langwierigen Diskussion, worin auch der Schweizerische Natiolnalfonds mit verwickelt wurde, verfasste Atteslander einen Brief an den damaligen Direktor des Verbands der Schweizerischen Zigarettenindustrie, Jean-Claude Bardy, in dem die Sachverhalte nachträglich verfälscht wurden, damit es so aussah, als hätte Atteslander den Leserbrief an die medizinische Zeitschrift als unabhängiger Wissenschafter verfasst (nachzulesen im Bericht S. 50 und in den angegebenen Referenzen). Atteslanders selektive Wahrnehmung des eigenen Handelns erstaunt mich bei einem ehemaligen Professor für Sozialepidemiologie (habe ich recht gelesen, oder ist dies auch "nur ein Flüchtigkeitsfehler"? Soweit ich mich erinnern mag, las ich in den Dokumenten, dass er Professor für Sozialökonomie war. Aber heutzutage muss man natürlich flexibel bleiben und sich eventuell auch weiterbilden auf anderen Gebieten, damit man marktfähig bleibt.).

Eine andere nicht unwesentliche Ungenauigkeit, die mich wiederum, bei einem emeritierten Universitätsprofessor, zum Staunen bringt und ich deshalb den Verdacht nicht loswerden kann, dass es Atteslander hier vielleicht doch mehr um Polemik als um Sachlichkeit geht. Jeder ernsthafter Wissenschafter weiss, dass in politisch brisanten Publikationen - und das ist unser Bericht allemal, wie diese Diskussion zeigt - seitens der Autoren schriftlich festgehalten wird, dass die in der Publikation geäusserten Meinungen nicht unbedingt denjenigen der Auftraggeber, Geldgeber, Arbeitsgeber, etc. entsprechen ("Opinions expressed reflect the views of the authors and do not necessarily represent any sponsoring agency, the WHO, or the Division of Adolescent Medicine or the Institute for Health Policy Studies at the University of California."). Also kann keine Rede sein von " Dessen Institute for Health [Policy] Studies hat sich im Übrigen, wenn man den Bericht auch liest, explizit nicht mit dem Inhalt dieses Berichtes identifiziert". Wir Autoren waren es, die implizit gesagt haben, dass unsere Meinungen sich nicht decken müssen mit denjenigen des Instituts, nicht das Institut hat dies explizit gesagt, was also nicht heisst, dass das Institut nicht gleicher Meinung sein könnte. Dies verdeutlicht nur die Unabhängigkeit unserer Meinung.

Herr David vom CASH hat recht mit seinem Vorwurf, wenn er sagt, Atteslander habe in einem NZZ-Artikel (Staatspolitisches Forum), in welchem er übrigens wie Don Quixote tapfer gegen alle und jeden in der Gesundheitspolitik und Epidemiologie herzieht, nicht offengelegt, für wen er arbeitet. Ist es ein Zufall, dass die einzigen konkreten Beispiele, die er in diesem völlig allgemein gehaltenen und deshalb wenig aussagenden Artikel erwähnt, aus der Tabakprävention kommen? Wohl kaum. Ausserdem beweist Atteslanders Tätigkeit für verschiedenste Organisationen in keinster Weise, dass er neutral und wissenschaftlich ist. Wir wissen inzwischen aus anderen Studien der Tabakindustriedokumente, wie viele nationale und internationale Organisationen von Tabakindustrie-"Consultants" unterwandert wurden. Es würde mich wundern, wenn irgendwelche Bundesämter und öffentliche Institutionen jetzt noch offiziell Atteslander als Berater anstellen würde, wenn sie unseren Bericht gelesen haben. Vermutlich wird dies nicht einmal mehr die Tabakindustrie tun. So dumm ist sie nicht.

Mir wäre es übrigens lieber, wenn das, was Atteslander wissenschaftlich zu sagen hat, in wissenschaftlichen "peer-reviewed" Zeitschriften, oder zumindest in offiziellen Organen, inklusive Webseiten einer wissenschaftlich international anerkannten Institution erscheinen würde. Jedenfalls hat Stanton Glantz vermutlich einiges mehr an Artikeln in renommierten Zeitschriften publiziert als Atteslander, trotz des Altersunterschieds.

Atteslanders "besonders wertvoll[en]" Vorschläge könnte man frei übersetzen in etwa: "Lest endlich meine Gebote und ihr werdet selig.", denn nichts, was er sagt ist fundiert oder logisch, und letztendlich scheint es ihm nur um seine Geltung zu gehen.

Mit freundlichen Grüssen,

Chung-Yol Lee, ISPM, Minervastrasse 114, 8032 Zürich (Autor des von Atteslander erwähnten Berichts)


GPI Nr. 3/2001