GPI Nr. 4/2003

 

 

 

 


 


5 Fragen an Ueli Schwarzmann, Vorsteher des Amtes für Altersheime der Stadt Zürich

1. Ueli Schwarzmann, wer sind Sie?
Ein Berner, der mit seiner Familie seit über 20 Jahren glücklich in der Stadt Zürich lebt. Von meinem beruflichen Hintergrund her bin ich Sozialarbeiter. Mehrere Jahre habe ich in den USA gelebt, wo ich u.a.weiter studiert und an der Columbia University in New York mit dem Master of Science in Social Work (M.S.S.W.) abgeschlossen habe. Meine beruflichen Stationen: leitende Tätigkeit in der Suchtkranken- und Behindertenhilfe, Rektor einer höheren Fachschule für Sozialarbeit, Lehrbeauftragter an der Universität Fribourg. Seit 1995 Direktor der 27 Altersheime der Stadt Zürich, in denen 2000 Menschen wohnen und rund 1200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind.

2. Sie sind Direktor der Altersheime der Stadt Zürich. Wenn Sie einen Ausblick in die nächsten zwanzig Jahre wagen: welches sind die grössten Herausforderungen für ein solches Amt einer grossen schweizerischen Stadt?
Prognosen sind spannend zu entwickeln. Häufig sieht die Realität anders aus. Und manchmal können wir froh darüber sein! Die Stadt Zürich vertritt in der Alterspolitik die Wahlfreiheit der älteren Menschen. Es soll den Menschen ermöglicht werden, die ihnen passende Wohn- und Lebensform zu wählen. Also z.B.zu Hause bleiben und wissen, dass die Spitex entsprechende Leistungen erbringt. Oder noch möglichst selbständig in die Wohnform Altersheim einzutreten, um sich entlasten zu können und wissen, dass man dort bis zum Tod leben kann, auch wenn man pflegebedürftig wird. Oder dass man erst in einem schwerer pflegebedürftigen Zustand von zu Hause oder vom Spital aus in ein städtisches Pflegezentrum eintreten kann. Damit verbunden sind verschiedene Herausforderungen:

  • Gelingt es uns genügende Kapazität an qualitativ guten Wohn- und Pflegemöglichkeiten anzubieten?
  • Gelingt es uns fachlich und konzeptionell am Puls der Zeit zu sein, damit wir die Bedürfnisse der älteren Menschen sensibel wahrnehmen können?
  • Gelingt es uns die Institutionen mit knappen Finanzen bedarfsgerecht baulich zu sanieren?
  • Trifft es zu, dass die Menschen noch älter werden und dass sich die Phase der Pflegebedürftigkeit tendenziell in ein höheres Alter verschiebt, ohne dass sie aber länger wird?

3. Welche Vorschläge und Massnahmen sollten Ihres Erachtens heute schon ergriffen werden, um diesen Herausforderungen wirksam, wirtschaftlich, zweckmässig und rechtzeitig zu begegnen?
Ein abendfüllendes Thema! Ich konzentriere mich auf das Thema der Pflegebedürftigkeit im Alter. Da ärgere ich mich besonders häufig. Die Fragen rund um dieses Thema werden von bestimmten Akteuren bewusst dramatisiert. Ich meine, dass es keine separate Pflegeversicherung braucht. Keine politische Partei oder Lobbyorganisation würde wagen zu fordern, dass Frauen wieder höhere Krankenkassen-Prämien bezahlen müssten, wie dies vor der Einführung des KVG der Fall war. Die Frage nach der Solidarität zwischen den Generationen und verschiedenen Bevölkerungsgruppen ist ein wichtiger Pfeiler im KVG. Diese Solidarität will ich nicht hergeben, obwohl die Rhetorik der verursachergerechten Finanzierung sehr populär ist

4. In zehn Jahren dürften Sie das Pensionierungsalter erreicht haben. Wie möchten Sie persönlich alt werden? Und welche Erwartungen hätten Sie persönlich an ein Altersheim, wenn Sie sich für ein solches entscheiden würden?
Wie alle Menschen habe ich die Hoffnung möglichst lange gesund und aktiv zu bleiben. Wie es sein wird, das wird sich zeigen. Ich hoffe, dass es mir gelingen wird mich mit all den Fragen, die sich mir stellen auseinanderzusetzen und die entsprechenden Herausforderungen anzunehmen. Die Grenzen, die mit dieser Lebensphase verbunden sind zu akzeptieren, aber auch die Möglichkeiten, die vorhanden sind, auszuschöpfen. Ein Leben in der Wohnform Altersheim kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich würde die mir wichtige Sicherheit und gleichzeitig einen hohen Grad an Freiheit erwarten. Ebenso ein reichhaltiges Angebot an interessanten kulturellen Aktivitäten, wo ich Kontakte knüpfen und gemäss meinen Interessen und meinem Gesundheitszustand aktiv am täglichen Leben teilnehmen könnte. Kurzum: eigentlich das, was die Altersheime der Stadt Zürich bereits heute so beliebt machen!

5. Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen, was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Ich meine, dass wir über alles gesehen sehr zufrieden sein können mit unserer Gesundheitsversorgung. Der Standard darf sich sehen lassen. Allerdings: unsere Erwartungen sind nicht bescheiden. Wir wollen das Beste und wollen möglichst wenig dafür bezahlen. Die verschiedenen Akteure, seien es Krankenversicherer, Leistungserbringer oder PolitikerInnen blockieren sich gegenseitig, obwohl das Krankenversicherungs-Gesetz durchaus tauglich ist. Jeder ist sich am nächsten. Nur mit einem fairen Diskurs wird es uns gelingen den gordischen Knoten zu lösen. Aber dazu muss man über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Das ist allerdings eine wuchtige Herausforderung!

Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 4/2003.