5 Fragen an Christian A. Ludwig, SUVA Chefarzt
5 Questions à Christian A. Ludwig, SUVA, médecin-chef
Frage 1: Christian Ludwig, wer sind Sie?
Ich bin ein Arzt und Manager, der an das Entwicklungspotenzial des schweizerischen
Gesundheitssystems glaubt. Als Chefarzt der Suva bin ich dafür verantwortlich,
dass die Betreuung kranker und verunfallter Menschen durch Case Manager und
Sachbearbeitende auch in medizinischer Hinsicht optimal erfolgt. Es ist ermutigend
zu sehen, dass dank einer gut orchestrierten Betreuung der Patientinnen und
Patienten bessere Eingliederungsresultate erzielt werden können. Den Ausgleich
zu meinem versicherungsmedizinischen Engagement finde ich im Fitnesstraining,
auf Bergwanderungen und in der zeitgenössischen Kunst. Mit meiner Ehefrau,
einer Psychologin, und den drei Kindern im Alter von 14, 16 und 18 Jahren lebe
ich in Luzern.
Frage 2: Sie haben als Arzt einen ungewöhnlichen Werdegang durch gemacht.
Sie haben sich mit betriebswirtschaftlichen Fragen auseinander gesetzt, bevor
andere wussten, was das ist. Rückblickend betrachtet: Haben Sie sich dadurch
einen Vorteil erworben oder haben Sie sich eher zu früh damit befasst?
Während meiner klinischen Tätigkeit habe ich mich immer wieder über
holprige Betriebsabläufe geärgert. Als internistischer Oberarzt in
einem Kantonsspital erhielt ich die Gelegenheit, den Aufbau eines computerbasierten
Klinikinformationssystems mitzugestalten. Dabei ist mir klar geworden, wie wichtig
es ist, betriebliche Prozesse bewusst zu gestalten. Ich war fasziniert von derartigen
organisatorischen Herausforderungen und habe mich im Jahre 1996 für einen
Wechsel an das Berner Inselspital entschieden. Als Leiter des Stabes der Spitalleitung
habe ich mich dort intensiv mit strategischen und operativen Managementaufgaben
befasst. Berufsbegleitend absolvierte ich das Nachdiplomstudium Management
im Gesundheitswesen' an der Universität Bern. Im Jahre 2001 bot sich mir
bei der Suva die reizvolle Chance, meine Kompetenzen als Arzt und Manager kombiniert
anzuwenden. Mein frühes Interesse für die betriebswirtschaftlichen
Fragen im Gesundheitswesen haben mir diese abwechslungsreiche und spannende
Berufskarriere ermöglicht.
Frage 3: Die SUVA geniesst in der Öffentlichkeit vielerorts einen guten
Ruf. Einzelne Politiker verlangen sogar, dass die Krankenversicherung nach dem
analogen Prinzip ausgestaltet wird. Worauf führen Sie diesen guten Ruf
zurück, die Prämien sind ja nicht unbedingt sehr tief.
Der gute Ruf der Suva wird tatsächlich regelmässig durch Umfragen
unabhängiger Marktforschungsinstitute bestätigt. Er basiert auf einem
System der Sozialpartnerschaft und auf der langjährigen Erfahrung als Sozialversicherung.
Die Suva wurde im vergangenen Jahr für ihre hervorragende Kundenorientierung
mit dem Schweizer Qualitätspreis Esprix' ausgezeichnet und für
ihr Programm New Case Management' erhielt sie den Innovationspreis der
Schweizer Assekuranz. Was die Prämienunterschiede zwischen der Suva und
privaten UVG-Versicherern anbelangt, so lassen sich diese durch die unterschiedliche
Risikostruktur erklären: Der Suva ist hauptsächlich der industriell-gewerbliche
Wirtschaftssektor zugewiesen, in welchem ein höheres Unfallrisiko als in
anderen Branchen besteht. Der Verwaltungskostenanteil der Suva liegt aber mit
5,7% des Gesamtertrages bzw. 9,9% der Nettoprämien deutlich unter den Ansätzen
der anderen UVG-Versicherer.
Frage 4: Hat die SUVA in ihrer heutigen Gestalt überhaupt eine Zukunft?
Oder ist sie ein Auslaufmodell? Und wenn ja: was müsste getan werden, um
dies zu ändern?
Eine im Jahre 2004 im Auftrag des Bundesrates von der Universität St. Gallen
durchgeführte Analyse kam zum Schluss, dass die Suva die effizienteste
aller UVG-Versicherungsunternehmen ist. Vom Prämien- und Kapitalertrag
kommt den Suva-Versicherten nämlich ein Anteil von 94,9% in Form von Versicherungsleistungen
zugute, bei den öffentlichen Kassen beträgt diese Quote 92,1%, bei
den UVG-Krankenkassen 83,6% und bei den Privatversicherern gerade noch 79,2%!
Gestützt auf dieses Gutachten bestätigte der Bundesrat die einzigartige
Rolle der Suva innerhalb des schweizerischen Sozialversicherungssystems. Je
mehr allerdings Arbeitskräfte aus Industrie und Gewerbe in den Dienstleistungssektor
abwandern, desto schwieriger wird es für die Suva, eine sozial verträgliche
Verteilung der Kosten aufrechtzuerhalten. Die Kernkompetenzen der Suva in den
Bereichen Prävention, Versicherung und Rehabilitation sollten noch besser
genutzt werden können. Zu diesem Zweck müsste der unternehmerische
Spielraum der Suva in einigen Teilbereichen erweitert werden. Im Laufe der aktuellen
UVG-Revision wird dieses Anliegen hoffentlich berücksichtigt werden.
Frage 5: Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen, was gefällt
Ihnen, was missfällt Ihnen?
Unser Gesundheitswesen basiert auf einer qualitativ exzellenten Struktur. In
der Kooperation über Betriebs- und Kantonsgrenzen hinweg hapert es hingegen
manchenorts, von einem flächendeckenden Continuum of Care' sind wir
noch weit entfernt. Leider werden Leistungserbringer, die systematisch zusammenarbeiten
und besonders effizient arbeiten, noch nicht angemessen dafür honoriert
- unzweckmässige finanzielle Anreize stehen einem umfassenden Prozess-
und Betreuungsmanagement im Wege.
Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen"
(GPI), Nr. 1/2005.