GPI Nr. 1/2005

 

 

 

 


 


5 Fragen an Christian A. Ludwig, SUVA Chefarzt
5 Questions à Christian A. Ludwig, SUVA, médecin-chef

Frage 1: Christian Ludwig, wer sind Sie?
Ich bin ein Arzt und Manager, der an das Entwicklungspotenzial des schweizerischen Gesundheitssystems glaubt. Als Chefarzt der Suva bin ich dafür verantwortlich, dass die Betreuung kranker und verunfallter Menschen durch Case Manager und Sachbearbeitende auch in medizinischer Hinsicht optimal erfolgt. Es ist ermutigend zu sehen, dass dank einer gut orchestrierten Betreuung der Patientinnen und Patienten bessere Eingliederungsresultate erzielt werden können. Den Ausgleich zu meinem versicherungsmedizinischen Engagement finde ich im Fitnesstraining, auf Bergwanderungen und in der zeitgenössischen Kunst. Mit meiner Ehefrau, einer Psychologin, und den drei Kindern im Alter von 14, 16 und 18 Jahren lebe ich in Luzern.

Frage 2: Sie haben als Arzt einen ungewöhnlichen Werdegang durch gemacht. Sie haben sich mit betriebswirtschaftlichen Fragen auseinander gesetzt, bevor andere wussten, was das ist. Rückblickend betrachtet: Haben Sie sich dadurch einen Vorteil erworben oder haben Sie sich eher zu früh damit befasst?
Während meiner klinischen Tätigkeit habe ich mich immer wieder über holprige Betriebsabläufe geärgert. Als internistischer Oberarzt in einem Kantonsspital erhielt ich die Gelegenheit, den Aufbau eines computerbasierten Klinikinformationssystems mitzugestalten. Dabei ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, betriebliche Prozesse bewusst zu gestalten. Ich war fasziniert von derartigen organisatorischen Herausforderungen und habe mich im Jahre 1996 für einen Wechsel an das Berner Inselspital entschieden. Als Leiter des Stabes der Spitalleitung habe ich mich dort intensiv mit strategischen und operativen Managementaufgaben befasst. Berufsbegleitend absolvierte ich das Nachdiplomstudium ‚Management im Gesundheitswesen' an der Universität Bern. Im Jahre 2001 bot sich mir bei der Suva die reizvolle Chance, meine Kompetenzen als Arzt und Manager kombiniert anzuwenden. Mein frühes Interesse für die betriebswirtschaftlichen Fragen im Gesundheitswesen haben mir diese abwechslungsreiche und spannende Berufskarriere ermöglicht.

Frage 3: Die SUVA geniesst in der Öffentlichkeit vielerorts einen guten Ruf. Einzelne Politiker verlangen sogar, dass die Krankenversicherung nach dem analogen Prinzip ausgestaltet wird. Worauf führen Sie diesen guten Ruf zurück, die Prämien sind ja nicht unbedingt sehr tief.
Der gute Ruf der Suva wird tatsächlich regelmässig durch Umfragen unabhängiger Marktforschungsinstitute bestätigt. Er basiert auf einem System der Sozialpartnerschaft und auf der langjährigen Erfahrung als Sozialversicherung. Die Suva wurde im vergangenen Jahr für ihre hervorragende Kundenorientierung mit dem Schweizer Qualitätspreis ‚Esprix' ausgezeichnet und für ihr Programm ‚New Case Management' erhielt sie den Innovationspreis der Schweizer Assekuranz. Was die Prämienunterschiede zwischen der Suva und privaten UVG-Versicherern anbelangt, so lassen sich diese durch die unterschiedliche Risikostruktur erklären: Der Suva ist hauptsächlich der industriell-gewerbliche Wirtschaftssektor zugewiesen, in welchem ein höheres Unfallrisiko als in anderen Branchen besteht. Der Verwaltungskostenanteil der Suva liegt aber mit 5,7% des Gesamtertrages bzw. 9,9% der Nettoprämien deutlich unter den Ansätzen der anderen UVG-Versicherer.

Frage 4: Hat die SUVA in ihrer heutigen Gestalt überhaupt eine Zukunft? Oder ist sie ein Auslaufmodell? Und wenn ja: was müsste getan werden, um dies zu ändern?
Eine im Jahre 2004 im Auftrag des Bundesrates von der Universität St. Gallen durchgeführte Analyse kam zum Schluss, dass die Suva die effizienteste aller UVG-Versicherungsunternehmen ist. Vom Prämien- und Kapitalertrag kommt den Suva-Versicherten nämlich ein Anteil von 94,9% in Form von Versicherungsleistungen zugute, bei den öffentlichen Kassen beträgt diese Quote 92,1%, bei den UVG-Krankenkassen 83,6% und bei den Privatversicherern gerade noch 79,2%! Gestützt auf dieses Gutachten bestätigte der Bundesrat die einzigartige Rolle der Suva innerhalb des schweizerischen Sozialversicherungssystems. Je mehr allerdings Arbeitskräfte aus Industrie und Gewerbe in den Dienstleistungssektor abwandern, desto schwieriger wird es für die Suva, eine sozial verträgliche Verteilung der Kosten aufrechtzuerhalten. Die Kernkompetenzen der Suva in den Bereichen Prävention, Versicherung und Rehabilitation sollten noch besser genutzt werden können. Zu diesem Zweck müsste der unternehmerische Spielraum der Suva in einigen Teilbereichen erweitert werden. Im Laufe der aktuellen UVG-Revision wird dieses Anliegen hoffentlich berücksichtigt werden.

Frage 5: Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen, was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Unser Gesundheitswesen basiert auf einer qualitativ exzellenten Struktur. In der Kooperation über Betriebs- und Kantonsgrenzen hinweg hapert es hingegen manchenorts, von einem flächendeckenden ‚Continuum of Care' sind wir noch weit entfernt. Leider werden Leistungserbringer, die systematisch zusammenarbeiten und besonders effizient arbeiten, noch nicht angemessen dafür honoriert - unzweckmässige finanzielle Anreize stehen einem umfassenden Prozess- und Betreuungsmanagement im Wege.

Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 1/2005.