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5 Fragen an Philippe Lehmann, Leiter des Projekts "Nationale Gesundheitspolitik",
Bern
Frage: Sie sind seit August Leiter des Projekts "Nationale Gesundheitspolitik
Schweiz", das vor Ihrem Amtsantritt "eine ernsthafte Krise durchlaufen
hat", wie Sie geschrieben haben. Bitte stellen sie das Projekt kurz vor,
mit Zielen, Strukturen, Personen, Budget usw.
Antwort: Um den komplexen gesundheitspolitischen Problemen der Zukunft
zu begegnen, haben Bund und Kantone 1998 entschieden, gemeinsam gesundheitspolitische
Strategien zu entwickeln. Das Projekt "Nationale Gesundheitspolitik Schweiz"
hat zum Ziel, die Ausrichtung und die Leitplanken einer zukünftigen, von
Bund und Kantonen gemeinsam getragenen schweizerischen Gesundheitspolitik zu
definieren. Die jetzige Phase dient einerseits der Förderung des Dialogs,
des Vertrauens und der Motivation der RegierungsvertreterInnen von Bund und
Kantonen bezüglich Handlungsbedarf einer national koordinierten Gesundheitspolitik,
anderseits der Entwicklung von konkreten Arbeitsinstrumenten und Policy-Elementen.
Darunter versteht man in erster Linie das Gesundheitsobservatorium, aber auch
Bausteine für politische Strategien in den Bereichen psychische Gesundheit,
Empowerment der Bevölkerung, Kriterien der Angebotsplanung in der hochspezialisierten
Medizin sowie Health Impact Assessment.
Unter der Führung einer paritätischen Steuerungsgruppe (6 VertreterInnen
der Kantone und 6 des Bundes unter der Leitung von Staatsrätin Patrizia
Pesenti, TI) arbeiten zwei kleine Institutionen: die Projektleitung Nationale
Gesundheitspolitik in Bern mit bald 5 MitarbeiterInnen und einem Gesamtbudget
von ca. 1 Mio Fr., und das Gesundheitsobservatorium in Neuchâtel, geleitet
von Peter C. Meyer, mit etwa gleicher Personaldotierung und einem Budget von
2.5 Mio Fr. Dazu kommt eine intensive Netzwerkarbeit mit Fachorganisationen
und -verbänden sowie mit kantonalen und Bundesämtern.
Frage: Eine "nationale Gesundheitspolitik" darf doch nicht
nur vom Eidg. Departement des Innern und der Sanitätsdirektorenkonferenz
gestaltet werden!
Es fehlen die anderen Departemente im Bund und in den Kantonen (und übrigens
auch die Gemeinden), die Legislativen, die Patienten und Konsumenten, die Parteien,
die Berufs- und anderen Verbände, die Leistungserbringer, die Krankenversicherer,
die Industrie, die Stiftungen usw. Das Projekt wirkt sehr staatsbezogen und
geht damit von einem altmodischen, überholten Bild der Gesundheitspolitik
aus. Wann kommt die Oeffnung?
Antwort: Die Zusammenarbeit von politisch Verantwortlichen von Bund und
Kantonen im Gesundheitsbereich stellt das Hauptziel dieses Projektes dar, und
das hat mehrere Gründe. Die verbreitete Wahrnehmung einer kantonalen Souveränität
im Gesundheitswesen sowie die Entstehung von immer mehr Bundesgesetzen (Heilmittel,
Transplantationen, Fortpflanzung, Ethik, Forschung an Menschen, Ausbildung der
Gesundheitsberufe usw.) und neuer Bundesstrategien (Gesundheit der Migranten,
"gender health", Gesundheit und Umwelt, Gesundheit am Arbeitsplatz,
Ernährungs-, Bewegungs-, Krebs-, Tabak- und Alkoholprogramme usw.) im Gesundheitsbereich
machen die Ausgangslage für eine national koordinierte Gesundheitspolitik
nicht einfach. Die RegierungsvertreterInnen haben sich jedoch entschieden, diese
Schwierigkeiten zu überwinden und damit gemeinsame Zielrichtungen und Handlungsprogramme
zu gestalten. Allein schon dieser Prozess braucht Zeit und Kraft.
Natürlich wird gleichzeitig mit den anderen Akteuren in Kontaktforen und
Arbeitsgruppen oder via gemeinsam getragene Entwicklungsprogramme auch schon
gearbeitet. An der Arbeitstagung von Rüschlikon vom 18./19. Oktober haben
fast alle nationalen Organisationen im Gesundheitsbereich neben den kantonalen
Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren teilgenommen. Kooperationserfahrung
bzw. -projekte gibt es schon mit der SGGP, der SAMW, der SGPG, der Stiftung
19, mit universitären Instituten und auch mit der Direktion für Arbeit
im Seco. Der Dialog wird auch mit Patienten- und Konsumentenorganisationen gesucht.
Die Öffnung ist nicht eine Frage des Kalenders, sondern eher eine Frage
der Ressourcen und der Prioritäten.
Frage: Das KVG ist de facto zum schweizerischen Gesundheitsgesetz geworden,
das x Bereiche ausserhalb der Krankenversicherung regelt und beeinflusst und
zudem eine fast nur ökonomische Ausrichtung hat. Frau Dreifuss erklärte
an Ihrer Tagung vom 18. Oktober: "Es ist heute vordringlich, dass wir dem
um das KVG herum stattfindenden Grabenkrieg entrinnen." Frau Scherrer,
Präsidentin der SDK sprach von "Unübersichtlichkeit, Ueberadministration,
einer gewissen Schwerfälligkeit durch unterschiedliche Entscheidungsprozesse
und hin und wieder hinderliche 26 kantonale Gartenzäune, mit einem oft
sehr belasteten Verhältnis zwischen Bund und Kantonen". Die Präsidentin
der Steuerungsgruppe Nationale Gesundheitspolitik, Frau Pesenti, kritisierte,
dass die Mechanismen unseres Gesundheitswesens "beinahe lahm gelegt werden
durch einen übersteigert kultivierten Föderalismus". Wie kann
das Projekt Nationale Gesundheitspolitik hier etwas ändern?
Antwort: Das Projekt "Nationale Gesundheitspolitik Schweiz"
hat bis jetzt eher versucht, ausserhalb des "Kriegsschauplatzes" KVG
zu arbeiten. Wir haben bewusst so gehandelt, um klar zu machen, dass andere
gesellschaftliche Faktoren ausserhalb des Behandlungsystems die Gesundheit der
Bevölkerung noch stärker beeinflussen. Die Arbeitstagung in Rüschlikon
war genau diesem Thema gewidmet. Es wurden dort mehrere konkrete Beispiele von
Ideen und Massnahmen erwähnt, welche in verschiedene Regionen übertragbar
sind. Das Projekt NGP wird sich insbesondere bemühen, im Rahmen einer Gesamtübersicht
der schweizerischen Gesundheitspolitik ("tableau de bord") über
die Informationsrolle hinaus Brücken zwischen den Akteuren und den Prozessen
zu schlagen.
Frage: Ich bin seit längerem der Meinung, dass ein Schweizerischer
Gesundheitsrat mit z.B. 11 hochangesehenen Mitgliedern und einem Stab nötig
ist. Er wäre konsultativ und würde sich mit den übergeordneten,
grundsätzlichen und mittel- und langfristigen Fragen des Gesundheitswesens
befassen, die heute in der hektischen Tagespolitik von praktisch niemandem behandelt
werden. Die Qualität der Gesundheitspolitik ist entsprechend. Wie sehen
Sie das Verhältnis Ihres Projekts "Nationale Gesundheitspolitik Schweiz"
zum Projekt Schweizerischer Gesundheitsrat?
Antwort: Das Projekt NGP hat die Aufgabe, in erster Priorität solche
Grundsatzfragen, welche wegen der Tagesaktualität oft vergessen werden,
wieder im Zentrum der gesundheitspolitischen Diskussion der RegierungsvertreterInnen
zu plazieren. Um diesen Denkprozess zu stützen und zu stärken, finde
ich persönlich es wichtig, dass die Schlüsselorganisationen des Gesundheitsbereichs
sich auch mit den gleichen Grundsatzfragen befassen, wie zum Beispiel die Ziele
für die Schweiz gemäss dem WHO-Programm "Gesundheit 21",
wie sie gerade von der Schweiz. Gesellschaft für Gesundheit und Prävention
erarbeitet wurden oder wie das Projekt "Zukunft der Medizin" der Schweiz.
Akademie der medizinischen Wissenschaften.
Die Strukturfrage wird sich sowieso stellen, sei es beschränkt auf die
staatliche Ebene (Bund und Kantone) oder im Sinne eines nationalen Rates der
Weisen. Ich ziehe es jedoch gegenwärtig vor, eine vertiefte inhaltliche
Diskussion und einen offenen Dialog zu fördern als jetzt eine strukturelle
Lösung zu definieren. Ich möchte selber auch mehr über die konferenziellen
Lösungen aus Deutschland, Frankreich und Grossbritannien erfahren, insbesondere
bezüglich der Mitsprachemöglichkeit der Bevölkerung, damit der
demokratische Aspekt nicht zugunsten der fachlichen Expertise oder der Interessenvertretung
verloren geht. Die Frage der Verbindlichkeit der nationalen Prioritäten
und ihre strategische Ausrichtung muss auch intensiv debattiert werden.
Frage: Wenn Sie sich die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen:
was missfällt Ihnen, was gefällt Ihnen?
Antwort: In mehr als zwanzig Jahren Erfahrung im Schweizer Gesundheitsbereich
habe ich sehr viele kompetente Fachfrauen und Fachmänner kennengelernt.
Seien sie Experten, Pflegende oder Kader der Verwaltungen, kommen sie aus den
Gesundheitsberufen oder aus den Sozialwissenschaften, sie bilden zusammen eine
enorm wichtige Ressource von Know-how und Motivation für eine zukunftsorientierte
Gesundheitspolitik. Alle bemühen sich um wissenschaftliche Evidenz und
bewahren dabei eine humanitäre Haltung. Die Dialogbereitschaft ist da,
unterstützt durch mehrere offene Plattformen, darunter insbesondere die
SGGP. Die Weiterbildungsprogramme wie das MPH-CH dienen auch der Stärkung
dieser Fachkräfte.
Wieso halten sich dann viele Mythen und populistische Wahrnehmungen gleichwohl
so hartnäckig in diesem Politikbereich? Wieso sind bestimmte Fragen immer
tabu, wie z.B. die bezüglich der Wirksamkeit einer einheitlichen nationalen
Krankenversicherungskasse am Modell der nationalen Suva, mit Prämien in
Lohnprozenten? Warum spricht man immer noch von "kantonaler Souveränität"
im Gesundheitswesen, gleich wie im Bildungswesen? Warum wird der gleichberechtigte
Zugang zu medizinischen und pflegerischen Leistungen immer mit Chancengleichheit
in gesundheitlicher Hinsicht verwechselt? Gibt es noch nicht genug Public-Health-Kenntnisse,
um ein paar Schritte in die Realität zu machen?
GPI Nr. 4/2001
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