GPI Nr. 4/2002

 

 

 

 


 


5 Fragen an Markus Kaufmann, Zentralsekretär Schweizerische Gesellschaft für Gesundheitspolitik (SGGP)

Frage 1: Markus Kaufmann, wer sind Sie?
Beruflich habe ich zwei Standbeine: Nach meinem Studium in Soziologie und Sozialarbeit an der Uni Fribourg engagierte ich mich während zwölf Jahren in der Jugendpolitik auf lokaler und nationaler Ebene. Über die Jugendarbeit machte ich den Schritt zur Gesundheitsförderung und zur Drogenpolitik: Unter anderem als Leiter der von der SGGP initiierten Nationalen Arbeitsgemeinschaft Suchtpolitik (NAS) und als Verantwortlicher von Projekten im Bereich der Suchtprävention. Mit dem Nachdiplomstudium zum Master of Public Health holte ich mir das notwendige theoretische Rüstzeug für die Gesundheitspolitik. Meine Stärken sehe ich vor allem in der Vernetzungsarbeit und der Moderation von Prozessen, in denen Leute mit unterschiedlichen Interessen eine gemeinsame Lösung suchen. Wichtig ist mir dabei, dass mein berufliches Engagement mit einer Mission verbunden ist, für die ich einstehen und mit der ich Dinge bewegen kann. Neben meinem 60-%-Job als Zentralsekretär bin ich aktiver Vater von zwei noch nicht schulpflichtigen Kindern. Sie sichern mir zur Zeit den Basiskontakt.

Frage 2: Sie sind seit knapp einem halben Jahr Zentralsekretär der SGGP und haben früher viel im Bereich der Drogenpolitik gearbeitet. Welches sind für Sie die grössten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Drogenpolitik und der Gesundheitspolitik?
Es gibt eine direkte Parallele zwischen Drogenpolitik und Gesundheitspolitik: Vor 10 Jahren rauften sich Politik und Fachleute zusammen und schafften es beispielhaft mit der Vier-Säulen-Politik einen Weg aus der Sackgasse zu finden. Die Gesundheitspolitik ist heute ähnlich blockiert wie seinerzeit die Drogenpolitik. Natürlich lässt sich einwenden, dass das Gesundheitswesen weit aus komplexer ist, vielmehr Akteure und einen ganz anderen volkswirtschaftlichen Stellenwert hat. Zudem sind die Probleme im Suchtbereich keineswegs verschwunden. Dennoch scheint mir die Erfahrung aus der Drogenpolitik Ermutigung dafür zu sein, dass mit Koalitionen der Vernunft auch ausweglose Problemsituationen zumindest teilweise gelöst werden können.

Frage 3: Sie sind in diesen ersten Monaten Ihrer SGGP-Tätigkeit mit vielen neuen Leuten zusammengekommen. Hat Sie jemand besonders beeindruckt und wenn ja: wer und warum?
In der Tat war es äusserst spannend mit so vielen neuen Leuten zusammenzukommen und durch sie meinen Blick auf das Gesundheitswesen verbreitern zu können. Ernüchternd war zweifellos die Erfahrung, dass die Statements der Interessenvertreter einander zuweilen wie erratische Blöcke entgegenstehen. Beeindruckend waren für mich deshalb jene Leute, die über ihr "Gärtchen" hinaus Visionen präsentierten oder an der Basis mehr bewegen, als in Verordnungen und Konzepten steht. Besonders aufgefallen ist mir dabei Frau Ständerätin Françoise Saudan aus Genf mit ihrem unabhängigen Blick auf die Gesundheitspolitik und Frau Christine Verdan, Pflegeexpertin an der Kinderklinik im Kantonsspital Aarau, die mir aufzeigte, wie Qualitätsförderung und Riskmanagement an der Basis mit Engagement erfolgreich umgesetzt werden kann.

Frage 4: Welche Neuigkeiten haben SGGP-Mitglieder vom Zentralsekretär Markus Kaufmann in den nächsten Wochen und Monaten zu erwarten?
Ich möchte die SGGP dort weiterentwickeln und ausbauen, wo sie stark ist: Als interdisziplinäres Forum, das gleichzeitig Information und Meinungsaustausch ermöglicht und Motor ist für Reformen im Gesundheitswesen. Dabei werde ich auf die bewährten Produkte der SGGP setzen - Tagungen, die "GPI" ,Schriftenreihe und Website - und diese kontinuierlich den sich wandelnden Bedürfnissen anpassen.
Ich werde auch der Mittelbeschaffung besondere Beachtung schenken müssen, um die Finanzierung der SGGP nach Ende der Pionierphase sichern zu können. Zum einen hat der Vorstand bereits im Mai eine moderate Erhöhung des Beitrags für Einzelmitglieder auf Fr. 80.- beschlossen. Zum anderen werde ich die Möglichkeiten im Bereich von Werbung und Sponsoring prüfen, die sich mit der Unabhängigkeit der SGGP vereinbaren lassen.

Frage 5: Wenn Sie sich die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen: was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Wir haben im Vergleich zu anderen Staaten ein leistungsfähiges und qualitativ hoch stehendes Gesundheitswesen, dessen Angebote einem sehr grossen Teil der Bevölkerung zugänglich ist. Der Gesundheitssektor ist mit 10,7% des BIP ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor und ein Motor für Innovation. Die über 400'000 Beschäftigten im Gesundheitswesen leisten ihre Arbeit weiterhin mit grosser Motivation. Diesen Stärken gilt es, Sorge zu tragen.
Auf der negativen Seite steht ein System, dass in vielen Bereichen falsche Anreize und Steuerungsmechanismen aufweist. Die föderalen Strukturen stossen an Grenzen und können den sich schnell ändernden Rahmenbedingungen nicht mehr gerecht werden. Zusammen mit den systemunabhängigen Faktoren "medizinische Fortschritt" und "alternde Gesellschaft" ergibt sich ein hoher Druck auf das Gesundheitswesen. Um diesen Druck abzulassen, ohne die oben genannten Errungenschaften aufs Spiel zu setzen, braucht es mehr "grosse Koalitionen" und weniger sich blockierende Partikularinteressen.

Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 4/2002.