5 Fragen an Hans-Heinrich Brunner, Arzt - 5 Questions à Hans-Heinrich Brunner, Médecin
1. Herr Brunner, wer sind Sie?
Ich war und bin ein Arzt, formal Kardiologe (ich hätte auch den Intensivmedizintitel führen können) und MPH der Harvard School of Public Health; ich war dies auch immer als Präsident der FMH und Vizedirektor des BAG.
2. Sie engagieren sich seit Jahren für Fragen von Public Health und konnten an unterschiedlichen Stellen in diese Richtung wirken. Was motiviert Sie bis heute dazu?
Meine Tätigkeit hat mich viele Orte und Aspekte des Gesundheitswesens kennenlernen lassen, von der Privatpraxis über die Privatklinik, mittlere und grössere öffentliche Spitäler in den Fachgebieten Innere Medizin und vielen ihrer „Subspezialitäten“, auch Chirurgie, bis hin zur (kantonalen) Gesundheitspolitik. Die praktischen Erfahrungen haben die Neugier nach den dahinterliegenden Funktionsweisen stimuliert, ganz speziell nach wissenschaftlich konzipierten erklärenden Modellen. Dies umso mehr als ich Mathematik studiert hatte und eigentlich eine wissenschaftliche Tätigkeit ausüben wollte. Wenn man einmal für solche Dinge motiviert ist, so bleibt diese Motivation lebenslang. Es sei aber auch nicht verschwiegen, dass mir die Wanderung durch diese –euphemistisch formuliert – pittoreske Landschaft namens Schweizerisches Gesundheitswesen mit seinen Abgründen, Verwerfungen und skurrilem Nonsenses auch Spass gemacht hat und ich noch Lust verspüre, diese Wanderung etwas fortzusetzen. Seit Beaudelaire wissen wir ja, dass das Hässliche und Schlechte auch seine Ästhetik beanspruchen darf.
3. Vor kurzem haben Sie sich entschieden, eine Teilzeit-Stelle im Spital Promontogno anzunehmen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Die Zentrumsmedizin wurde in den letzten 10 – 20 Jahren ungemein bürokratisiert, nicht immer zu ihrem Besten. Und daraus die Antwort: Ich wollte wieder von den Bedürfnissen des Patienten ausgehend, aufgrund meines Wissens und meiner Erfahrung, ohne unzählige ungebetene und häufig nutzlose Konsiliarii und andere Zaumgäste, arbeiten können. Die Grundversorgung ist Ausgangspunkt und Zielort jeder Medizin. Die meisten Patienten wollen dies – ganz abgesehen davon, dass es auch organisatorisch sinnvoll ist.
4. Parallel dazu haben Sie weiterhin eine Teilzeit-Stelle als Oberarzt im Inselspital Bern. Fühlen Sie sich von Extremversorgungsbeispielen angezogen?
Die Antwort 3) schliesst 4) nicht aus: Die universitäre Medizin ist für die Medizin von zentraler Bedeutung, fachlich faszinierend und lehrreich. Kommt hinzu, dass mir Notfallmedizin, die ich am Notfallzentrum praktiziere, sehr liegt. Das Problem vieler in der Peripherie, mental wie geographisch verstanden, arbeitender Ärzte ist unter anderem, dass sie den Kontakt zu den aktuellen Entwicklungen der Medizin verlieren.
5. Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen, was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Beeindruckend ist, dass die grosse Mehrzahl der in diesem Lande Prämien Bezahlenden ein möglichst hochstehendes Gesundheitssystem wollen und bereit sind, dafür zu bezahlen. Positiv ist zweifelsohne auch, dass wir in der Schweiz noch über genügend Leute in diesem System verfügen, die gute Arbeit leisten und leisten wollen (auch wenn man hier bezüglich der Zukunft zweifelsohne Fragezeichen setzen kann). Mir wurde eine Zeilenzahl als Begrenzung meiner Stellungnahme vorgegeben; unter der Rubrik „Missfallen“ muss ich mich zu äusserster Konzentration zwingen. Missfallen erregt vor allem die hochgradige medizinische und organisatorische Fragmentierung, die eine Unzahl vollmundig sich produzierender, nicht immer im gleichen Masse professioneller Leute produziert, die jegliche Verantwortung von sich schieben und diese in einer immer unübersichtlicheren, teuren Bürokratie versickern lassen. Für mich als Arzt bedeutet dies: Immer weniger Mittel am Krankenbett zu Gunsten behaglich sich an grünen Tischen räkelnder Leute, deren „Funktionalitäten“ ich schlicht nicht mehr zu erkennen vermag.
Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 3/2008.