GPI Nr. 2/2009

 

 

 

 


 


5 Fragen an Claudia Galli, Präsidentin ErgotherapeutInnen-Verband Schweiz (EVS) -  5 Questions à Claudia Galli, présidente ASE

1.Frau Galli, wer sind Sie?
I ch bin ein Mensch, der auf gemeinsame Stärken und Ressourcen achtet. Ich bin seit 7 Jahren Präsidentin des EVS und seit 1 ½ Jahren Präsidentin des Dachverbandes der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen SVBG. Von der Ausbildung her bin ich Ergotherapeutin und Psychologin lic.phil.
Ich bin neugierig, kommuniziere gern, gehe gerne systematisch an Dinge heran und mag sorgfältiges Arbeiten. Ich habe grosses Interesse an Menschen, deren Überzeugungen und Handlungsweisen. Von der Ergotherapie bin ich begeistert, weil sie wie kein anderer Beruf systematisches Denken, menschliches Einfühlungsvermögen und handlungsorientierte Methoden miteinander verbindet.
Ich bin überzeugt, dass Dialog, Vernetzung und sachorientierte Lösungssuche in der Verbandsarbeit Erfolg bringen.
Seit einem Jahr bin ich Mutter einer kleinen Tochter – begeistert und immer wieder fasziniert von den riesigen Entwicklungsschritten, welche innert kürzester Zeit stattfinden.


2. Sie engagieren sich seit über 10 Jahren in den Organen des ErgotherapeutInnen-Verbandes Schweiz EVS. Was motiviert Sie dazu?

Es interessiert mich, gemeinsam mit anderen Menschen zu entwickeln und zu gestalten. Ich bin nach wie vor begeistert vom Beruf Ergotherapie. Es ist mir ein Anliegen, dass sein Potential sichtbar gemacht werden kann und er sich stetig weiter entwickelt.
Mich motivieren lösungsorientierte Auseinandersetzungen, tragfähige Teamentscheide und natürlich auch Erfolge. Wir haben in den letzten Jahren viel Aufbau- und Weiterentwicklungsarbeit geleistet – und freuen uns über einen stetigen Zuwachs an Mitgliedern im EVS. Es ist uns gelungen, z.B. im Zusammenhang mit Tarifverhandlungen, Positionen zu verteidigen, aber auch der Berufsentwicklung einen wesentlichen Impuls in Richtung Konzeptentwicklung für die Bereiche Gesundheitsförderung und Prävention zu verleihen.


3. In letzter Zeit ist der Ruf nach mehr Wettbewerb im schweizerischen Gesundheitswesen lauter geworden. Braucht es dann einen Branchenverband wie den ErgotherapeutInnen-Verband überhaupt noch?
Ja, erst recht! Vor lauter Wirtschaftlichkeitsüberlegungen droht vergessen zu gehen, dass wir es im Gesundheitswesen stets mit Menschen zu tun haben, welche „versehrt“ sind. Dies verlangt nach einem fachlich, methodisch und qualitativ hochstehenden Umgang. Abläufe lassen sich bis zu einem gewissen Grad standardisieren, doch die Menschen lassen sich nicht in simple diagnostische Schubladen stecken, über die dann unbesehen ein bestimmtes Verfahren laufen gelassen werden kann.
Berufsverbände sollten Sprachrohr für die fachlichen Anforderungen und gleichzeitig auch Motor für die stetige Weiterentwicklung der Qualität eines Berufes sein. Der Berufsverband weiss am besten, was die Berufsleute wirklich können und kann dies in Diskussionen und Verhandlungen einbringen. Bei „Umbauten“ im Gesundheitswesen wie z.B. den Veränderungen in der Bildungslandschaft, der Einführung der DRG und dem sich abzeichnenden Personalmangel sind die Positionen der Berufsverbände bedeutsam. Gerade für eine kleine Berufsgruppe wie die Ergotherapie, die in den Diskussionen gerne an den Rand gedrängt wird, ist der Berufsverband von besonderer Bedeutung.


4. Wenn man Diskussionen in der Öffentlichkeit verfolgt, dann werden die Therapie-Berufe im Verhältnis zu ihrem Anteil an den im Gesundheitswesen Beschäftigten - vielleicht abgesehen von Tarifauseinandersetzungen mit den Krankenversicherern - doch eher selten wahrgenommen. Worauf führen Sie dies zurück?
Mit gut 50 Jahren ist die Ergotherapie in der Schweiz ein noch junger Beruf und die Berufsgruppe ist klein. Erst seit den letzten 15 Jahren tritt sie aus dem Schatten medizinisch dominierter und funktions-orientierter Konzepte heraus und entwickelt eigenständige, handlungsorientierte Konzepte und Theorien. Forschung zur Ergotherapie fand in der Schweiz bislang kaum statt. Mit der Ansiedelung der Ergotherapie an der Fachhochschule ist nun dafür eine gute Basis gelegt.
Bis eine solche Professionalisierung und Expertise über das engere fachliche Umfeld hinaus wahrgenommen wird, braucht es Zeit und öffentlichkeitswirksame Erfolgsgeschichten.
Natürlich liegt mir die öffentliche Wahrnehmung der Ergotherapie am Herzen, doch ich hänge keiner Sichtweise an, welche ausschliesslich auf die Therapie-Berufe fokussiert. Ich habe kein Interesse daran, einen Graben zwischen Therapie- und Pflege- oder ärztlichen Berufen zu konstruieren. Wir sitzen alle im selben Boot und – davon bin ich überzeugt – haben im Grunde mehr gemeinsame als getrennte Interessen. Als Präsidentin des SVBG engagiere ich mich deshalb stark dafür, für möglichst viele Gesundheitsberufe einen Dachverband zu bilden.


5. Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen, was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Die aktuelle Hektik im Produzieren von unausgegorenen Kosten-Brems-Vorschlägen ist bedenklich, Widerstand verschiedenster Seiten ist vorprogrammiert. Es ist zu befürchten, dass in nächster Zukunft ein Flickwerk von Massnahmen auf uns zukommt.
Mir gefällt, dass der Gesundheitsförderungs- und Präventionsgedanke zunehmend an Bedeutung gewinnt. Obwohl dies nicht Teil des enger definierten (KVG-orientierten) Gesundheitswesens ist, gehört es unabdingbar zu einer Gesamtsicht auf die Gesundheit des Menschen.


Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 2/2009.