5 Fragen an Omega E. Huber, Präsidentin Physioswiss - 5 Questions à Omega E. Huber, présidente Physioswiss
1. Frau Huber, wer sind Sie?
Ich bin ein vielseitig interessierter Mensch, der Freizeitaktivitäten und Sport genauso liebt wie ein feines Essen in sympathischer Gesellschaft oder einen Theaterbesuch. Grosse Freude bereiten mir meine Patenkinder und deren Geschwister, mit denen ich soviel Zeit wie möglich verbringe. Der Drang nach Bewegung, mein grundsätzliches Interesse an den Menschen, an den Meinungen, die sie vertreten, und an den Werten, für die sie einstehen, sowie eine Portion Helfermentalität haben mich mein begonnenes Anglistikstudium an der Uni Zürich abbrechen lassen und mich zur Physiotherapie gebracht. Ein Nachdiplomstudium in integralem Spitalmanagement hat mir ermöglicht, meinen Blickwinkel zu öffnen und ein Verständnis für die Gesamtperspektive Gesundheitsbranche zu entwickeln.
2. Sie engagieren sich seit 10 Jahren in den Organen des Schweizer Physiotherapie Verbandes physioswiss. Was motiviert Sie bis heute dazu?
Für den Beruf Physiotherapie engagiere ich mich nun seit 25 Jahren. physioswiss ist eines von mehr als 100 Mitgliedern im Weltverband der Physiotherapie. Wenn ich sehe, wie die Physiotherapie zum Teil in anderen - vor allem den anglophonen und nordeuropäischen - Ländern positioniert ist und welchen Stellenwert sie einnimmt, dann haben wir hier in der Schweiz noch einiges zu tun. Einige ausländische Verbände dienen uns somit als „role model“ und das motiviert stark. Ein zweiter motivierender Faktor ist das konstruktive und vertrauensvolle Klima innerhalb des Zentralvorstandes sowie die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit unserer Geschäftsstelle. Ohne dies wäre es sehr schwierig, die notwendige Energie und Kraft in den heutigen eher widrigen Zeiten aufzubringen.
3. In letzter Zeit ist der Ruf nach mehr Wettbewerb im schweizerischen Gesundheitswesen lauter geworden. Braucht es dann einen Branchenverband wie physioswiss überhaupt noch?
Der Berufsverband physioswiss übernimmt gerade in dieser intensiven Umbruchszeit eine wichtige Funktion als Vertretung der selbständigen und angestellten Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Es gilt, die Physiotherapie klar zu positionieren und zwar im Bereich des KVG und auch im freien Gesundheitsmarkt. Nicht zu vergessen ist die Bildung. Der Berufsverband hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Physiotherapie als grundständige Ausbildung an der Fachhochschule angeboten wird. Auch im Hinblick auf das neue Medizinalberufegesetz gilt es die Physiotherapie entsprechend einzubringen. Die Tarifsituation ist überaus unbefriedigend und es bedarf dringend einer neuen Lösung. Dazu braucht es eine politische Lobbyarbeit, klare Fakten und einen langen Atem und sicher keine Einzelkämpfer. Der Ruf nach mehr Wettbewerb ist ein schwacher Ruf. In einem richtigen Wettbewerb setzt sich die Qualität durch, im Gesundheitsmarkt dominiert santésuisse mit der Haltung, die Leistungserbringer sollen Qualität zum Nulltarif anbieten. Das funktioniert so nicht.
4. Wenn man Diskussionen in der Öffentlichkeit verfolgt, dann werden die Therapie-Berufe im Verhältnis zu ihrem Anteil an den im Gesundheitswesen Beschäftigten - vielleicht abgesehen von Tarifauseinandersetzungen mit den Krankenversicherern - doch eher selten wahrgenommen. Worauf führen Sie dies zurück?
Die Entwicklung der Therapieberufe zu fachkompetenten und hochspezialisierten Semiprofessionen wird von Akteuren und Politikern im Gesundheitswesen schlicht ignoriert. Wir werden auf Gesetzesebene nach wie vor als paramedizinische Hilfsberufe geführt und in den kantonalen Gesundheitsgesetzen sind wir lediglich auf Verordnungsstufe erwähnt. Zudem beschränkt sich das öffentliche und mediale Interesse auf die Ärzteschaft und die Pflege. Bei uns geht es halt nicht um Leben und Tod und es gibt keine blutigen (sprich quotenwirksame) Geschichten zu erzählen. Die obligatorische Grundversicherung ist unspektakulär, lieber wird über Wellness und Fitness berichtet.
Zudem ist es uns bis heute nicht gelungen, eine therapiespezifische Dachorganisation ins Leben zu rufen. Eine Identität „nicht-ärztlich“ hilft uns da nicht weiter, da denkt der Bürger auch nur an Pflege.
5. Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen, was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Positiv ist, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes Zugang zu medizinischen Grundleistungen haben und ein hohes Vertrauen in die Medizin und unsere Gesundheitsversorgung besteht.
Negativ ist, wieviel Macht den Krankenkassen zugestanden wird und teilweise auch der Kantönligeist. Das Verhältnis zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern ist längst nicht mehr paritätisch, wie das eigentlich gewollt ist. Erschwerend aus Sicht der Leistungserbringer kommt hinzu, dass das BAG seine Aufsichtspflicht zu wenig wahr nimmt.
Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 1/2009.