5 Fragen an Jacques de Haller, Dr. med., Präsident der
Schweizerischen Ärztegesellschaft
français
1. Herr de Haller, wer sind Sie?
Ich kam vor 56 Jahren in Genf zur Welt, wo ich auch mein ganzes Studium absolvierte
- abgesehen von einem 18-monatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, der
für mich ein prägendes Erlebnis war!
1983 erwarb ich meinen FMH-Titel in Allgemeinmedizin und eröffnete anschliessend
eine Praxis in Genf. Bevor ich zum Präsidenten der FMH gewählt wurde,
war ich während 21 Jahren als Allgemeinpraktiker in einem städtischen
Quartier tätig. Viele meiner Patientinnen und Patienten waren sozial benachteiligt
(Arbeitslosigkeit und Mobbing, HIV, Methadon
). Gleichzeitig wurde ich
zunehmend im Bereich der Standespolitik aktiv.
2. Sie engagieren sich ja seit vielen Jahren im Gesundheitswesen. Was motiviert
Sie dazu?
Da kommen mir die Freude an den Begegnungen, das Interesse an den gesellschaftlichen
Fragen, die intellektuelle Begeisterung für die (konstruktive!) Gegenüberstellung
von Ideen in den Sinn... doch ich kann keine richtig strukturierte Antwort auf
diese Frage finden!
Hinzufügen würde ich noch die Tatsache, dass mir eine durch und durch
ethische Medizin ein grosses Anliegen ist. Diese Medizin muss in ihrer Zeit
verankert sein und dem treu bleiben, was sie zu einer der Konstanten der menschlichen
Gesellschaft und der Sozialgeschichte macht.
3. Bei Ihren Referaten hat der GPI-Redaktor schon oft bemerkt, dass Sie
einen Zusammenhang zwischen l'art et le médecin herstellen. Ist dieser
Eindruck zufällig entstanden oder beabsichtigt?
Da steckt keine wirkliche Absicht dahinter - das ergibt sich gewissermassen
von selbst, denn die Kreativität steht im Mittelpunkt der Medizin
und des Menschen! Es ist der eigentliche Zweck der Medizin, jedem Menschen die
Möglichkeit zu geben, während der ungefähr 70 Jahre, die uns
zur Verfügung stehen, seine ganze Kreativität zu entfalten. Auf dieser
Basis sollen sich die Menschen uneingeschränkt verwirklichen und ihr "Recht
auf das Leben" vollständig ausüben können.
Genau diese soziale, intellektuelle und affektive Kreativität wird blockiert,
wenn man krank ist - solche Blockaden können das Leben erheblich beeinträchtigen.
Deshalb muss die Medizin dagegen ankämpfen, oder besser gesagt muss sie
die Patientinnen und Patienten bei der Bekämpfung von Krankheiten unterstützen.
Wenn wir den Zweck der Medizin auf diese Weise definieren, sind wir zum wesentlichen
Kern vorgestossen. Sie können damit alle möglichen Philosophien und
Theologien in Verbindung bringen, es bleibt immer richtig!
Selbstverständlich wird dadurch das Feld der Medizin beträchtlich
erweitert. Doch ist sie nicht gerade deshalb so faszinierend und speziell?
4. Heute scheint man den Eindruck zu bekommen, dass niemand mehr ein gutes
Haar am KVG lässt. Auch Managed Care Ansätze sind an vielen Orten
von der Prioritätenliste verschwunden. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Dafür gibt es wahrscheinlich mehrere Erklärungen.
Eine Erklärung ergibt sich aus einer Art "Gleichgewicht des Schreckens",
das gegenwärtig im Gesundheitswesen herrscht. Aus Angst, in eine Falle
zu tappen, wagt es niemand mehr, sich zu bewegen. Wir befinden uns in einer
Situation, die durch sehr grosse Interessenskonflikte gekennzeichnet ist. Niemandem
gelingt es, die verschiedenen Bedürfnisse und Interessen so in Einklang
zu bringen, dass das System vorangebracht werden kann.
Wenn man die ganze Sache aus einem anderen Blickwinkel und mit einer etwas positiveren
Haltung betrachtet, stellt man fest, dass eigentlich alle genau die Medizin
und das Gesundheitssystem wollen, das wir haben. Alle - insbesondere unsere
Bevölkerung - schätzen unser Gesundheitswesen. Vor diesem Hintergrund
muss man das Lamentieren der Politik über das Gesundheitssystem möglicherweise
als Profilierungsbedürfnis interpretieren.
Eine Entwicklung des Gesundheitssystems ist selbstverständlich notwendig.
Doch dabei müssen die positiven Errungenschaften ausgebaut werden. Mit
einer solchen Entwicklung muss die humanistische Vorstellung des Menschen unterstützt
werden, die wir in unserer Gesellschaft im Verlauf der Jahrhunderte erarbeitet
haben. Sie darf jedoch keinesfalls in eine Richtung gehen, die nur dem Zeitgeist
entspricht und bei der alles ökonomischen Kriterien untergeordnet wird.
Das Managed Care ist ein gutes Beispiel dafür, was in diese Richtung unternommen
werden kann. Auf einer solchen Basis können partnerschaftliche Lösungen
realisiert werden, in deren Rahmen alle Beteiligten geachtet werden. Wir erwarten
diesbezüglich eine entschlossene Unterstützung durch die Politik.
5. Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen, was gefällt
Ihnen, was missfällt Ihnen?
Wie gesagt habe ich grosse Mühe mit Interessenskonflikten, die teilweise
allzu leicht hingenommen werden und bei denen der persönliche Vorteil die
Hauptmotivation für jegliches Handeln ist. Als FMH-Präsident werde
ich weiterhin engagiert gegen solche Situationen ankämpfen.
Was ich hingegen sehr schätze, sind die Anstrengungen all jener, die aufrichtig
versuchen, die näheren Umstände des Gesundheitssystems zu verstehen,
um es dann in einer Art und Weise weiterzuentwickeln, bei der alle Beteiligten
respektiert werden. Bei diesen Beteiligten handelt es sich immer um Personen
aus allen "Lagern", also sowohl um die Patientinnen und Patienten
als auch um das medizinische Personal und die Verwalter des Systems.
Alle diese Akteure der Gesundheitspolitik müssen mit all ihren Besonderheiten
respektiert werden, damit die Vielfalt und Flexibilität unseres Systems
bewahrt werden kann.
Anmerkung des GPI-Redaktors: Dank freundlicher Unterstützung der FMH konnte
das Interview mit Dr. Jacques de Haller sowohl in französischer als auch
deutscher Sprache in dieser GPI erscheinen.
Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 1/2008.