GPI Nr. 1/2008

 

 

 

 


 


5 Fragen an Jacques de Haller, Dr. med., Präsident der Schweizerischen Ärztegesellschaft

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1. Herr de Haller, wer sind Sie?
Ich kam vor 56 Jahren in Genf zur Welt, wo ich auch mein ganzes Studium absolvierte - abgesehen von einem 18-monatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, der für mich ein prägendes Erlebnis war!
1983 erwarb ich meinen FMH-Titel in Allgemeinmedizin und eröffnete anschliessend eine Praxis in Genf. Bevor ich zum Präsidenten der FMH gewählt wurde, war ich während 21 Jahren als Allgemeinpraktiker in einem städtischen Quartier tätig. Viele meiner Patientinnen und Patienten waren sozial benachteiligt (Arbeitslosigkeit und Mobbing, HIV, Methadon…). Gleichzeitig wurde ich zunehmend im Bereich der Standespolitik aktiv.

2. Sie engagieren sich ja seit vielen Jahren im Gesundheitswesen. Was motiviert Sie dazu?
Da kommen mir die Freude an den Begegnungen, das Interesse an den gesellschaftlichen Fragen, die intellektuelle Begeisterung für die (konstruktive!) Gegenüberstellung von Ideen in den Sinn... doch ich kann keine richtig strukturierte Antwort auf diese Frage finden!
Hinzufügen würde ich noch die Tatsache, dass mir eine durch und durch ethische Medizin ein grosses Anliegen ist. Diese Medizin muss in ihrer Zeit verankert sein und dem treu bleiben, was sie zu einer der Konstanten der menschlichen Gesellschaft und der Sozialgeschichte macht.

3. Bei Ihren Referaten hat der GPI-Redaktor schon oft bemerkt, dass Sie einen Zusammenhang zwischen l'art et le médecin herstellen. Ist dieser Eindruck zufällig entstanden oder beabsichtigt?
Da steckt keine wirkliche Absicht dahinter - das ergibt sich gewissermassen von selbst, denn die Kreativität steht im Mittelpunkt der Medizin … und des Menschen! Es ist der eigentliche Zweck der Medizin, jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, während der ungefähr 70 Jahre, die uns zur Verfügung stehen, seine ganze Kreativität zu entfalten. Auf dieser Basis sollen sich die Menschen uneingeschränkt verwirklichen und ihr "Recht auf das Leben" vollständig ausüben können.
Genau diese soziale, intellektuelle und affektive Kreativität wird blockiert, wenn man krank ist - solche Blockaden können das Leben erheblich beeinträchtigen. Deshalb muss die Medizin dagegen ankämpfen, oder besser gesagt muss sie die Patientinnen und Patienten bei der Bekämpfung von Krankheiten unterstützen.
Wenn wir den Zweck der Medizin auf diese Weise definieren, sind wir zum wesentlichen Kern vorgestossen. Sie können damit alle möglichen Philosophien und Theologien in Verbindung bringen, es bleibt immer richtig!
Selbstverständlich wird dadurch das Feld der Medizin beträchtlich erweitert. Doch ist sie nicht gerade deshalb so faszinierend und speziell?

4. Heute scheint man den Eindruck zu bekommen, dass niemand mehr ein gutes Haar am KVG lässt. Auch Managed Care Ansätze sind an vielen Orten von der Prioritätenliste verschwunden. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Dafür gibt es wahrscheinlich mehrere Erklärungen.
Eine Erklärung ergibt sich aus einer Art "Gleichgewicht des Schreckens", das gegenwärtig im Gesundheitswesen herrscht. Aus Angst, in eine Falle zu tappen, wagt es niemand mehr, sich zu bewegen. Wir befinden uns in einer Situation, die durch sehr grosse Interessenskonflikte gekennzeichnet ist. Niemandem gelingt es, die verschiedenen Bedürfnisse und Interessen so in Einklang zu bringen, dass das System vorangebracht werden kann.
Wenn man die ganze Sache aus einem anderen Blickwinkel und mit einer etwas positiveren Haltung betrachtet, stellt man fest, dass eigentlich alle genau die Medizin und das Gesundheitssystem wollen, das wir haben. Alle - insbesondere unsere Bevölkerung - schätzen unser Gesundheitswesen. Vor diesem Hintergrund muss man das Lamentieren der Politik über das Gesundheitssystem möglicherweise als Profilierungsbedürfnis interpretieren.
Eine Entwicklung des Gesundheitssystems ist selbstverständlich notwendig. Doch dabei müssen die positiven Errungenschaften ausgebaut werden. Mit einer solchen Entwicklung muss die humanistische Vorstellung des Menschen unterstützt werden, die wir in unserer Gesellschaft im Verlauf der Jahrhunderte erarbeitet haben. Sie darf jedoch keinesfalls in eine Richtung gehen, die nur dem Zeitgeist entspricht und bei der alles ökonomischen Kriterien untergeordnet wird.
Das Managed Care ist ein gutes Beispiel dafür, was in diese Richtung unternommen werden kann. Auf einer solchen Basis können partnerschaftliche Lösungen realisiert werden, in deren Rahmen alle Beteiligten geachtet werden. Wir erwarten diesbezüglich eine entschlossene Unterstützung durch die Politik.

5. Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen, was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Wie gesagt habe ich grosse Mühe mit Interessenskonflikten, die teilweise allzu leicht hingenommen werden und bei denen der persönliche Vorteil die Hauptmotivation für jegliches Handeln ist. Als FMH-Präsident werde ich weiterhin engagiert gegen solche Situationen ankämpfen.
Was ich hingegen sehr schätze, sind die Anstrengungen all jener, die aufrichtig versuchen, die näheren Umstände des Gesundheitssystems zu verstehen, um es dann in einer Art und Weise weiterzuentwickeln, bei der alle Beteiligten respektiert werden. Bei diesen Beteiligten handelt es sich immer um Personen aus allen "Lagern", also sowohl um die Patientinnen und Patienten als auch um das medizinische Personal und die Verwalter des Systems.
Alle diese Akteure der Gesundheitspolitik müssen mit all ihren Besonderheiten respektiert werden, damit die Vielfalt und Flexibilität unseres Systems bewahrt werden kann.

Anmerkung des GPI-Redaktors: Dank freundlicher Unterstützung der FMH konnte das Interview mit Dr. Jacques de Haller sowohl in französischer als auch deutscher Sprache in dieser GPI erscheinen.

Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 1/2008.