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5 Fragen an Barbara Gassmann,
Vize-Präsidentin SBK
Frage 1: Barbara Gassmann, wer
sind Sie?
Ich hinterfrage gerne Gegebenes. Am liebsten tue ich das im persönlichen
Austausch mit anderen Menschen. Wie funktioniert unser Zusammenleben, was bewirkt
ein bestimmtes Verhalten, wo liegen Handlungsspielräume, wie kann eine
Situation für alle verbessert werden - das sind Fragen, die mich seit langem
beschäftigen. Beruflich bin ich eine diplomierte Pflegefachfrau mit langjähriger
Erfahrung in der Pflege und als Pflegeexpertin in der Beratung und Schulung
von Pflegenden. Seit einem Jahr bin ich Vizepräsidentin des Schweizer Berufsverbandes
der Krankenschwestern und Krankenpfleger (SBK).
Frage 2: Was hat Sie motiviert,
diese Aufgaben anzunehmen?
Als Pflegefachfrau lernte ich rasch, wie viele unserer täglichen Handlungen
und Entscheidungen in der Pflege politische Dimensionen haben. Damit war mein
Interesse für die Berufspolitik geweckt. Später erkannte ich, dass
ich individuell zuwenig bewegen kann. Nötig sind politische Weichenstellungen
und Öffentlichkeitsarbeit für die Pflege. Dafür setze ich mich
gerne ein.
Frage 3: Seit das neue Präsidium
die Geschicke des SBK führt, hat Ihr Verband eine höhere Medienpräsenz.
Ist dies zufällig oder verbirgt sich dahinter ein selbstbewussteres Auftreten?
Unterschiedliche Gründe führen dazu. Um in den Medien zu erscheinen,
muss etwas Spektakuläres geschehen. Dies ist mit den Ereignissen im laufenden
Jahr der Fall: Abstimmung über die Gesundheitsinitiative, Nichtbezahlung
von verordneten Pflegeleistungen durch die Krankenkassen, Ständeratsbeschluss,
nur noch Teile der Kosten an die Pflege in Heimen und Spitex zu leisten, Streichung
von Leistungen im Präventionsbereich usw. Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen
und die damit verbundenen Kürzungen von Leistungen betreffen einen immer
grösseren Teil der Bevölkerung. Damit hat das Thema Pflege eine hohe
Brisanz. Diese nutzen wir, um Pflege aus ihrer Selbstverständlichkeit heraus
zu heben. Die Pflegenden individuell und als Berufsgruppe haben an Selbstbewusstsein
gewonnen. Seit Jahren fördert der SBK mit Kongressen, Weiterbildungsveranstaltungen
und Vernehmlassungen die Identität und das Selbstvertrauen der Pflegenden.
Dahinter steckt kontinuierliche Aufbauarbeit. Unsere Mitglieder haben vor zwei
Jahren bekundet, dass der SBK zu gesundheitspolitischen Themen vermehrt öffentlich
Stellung beziehen soll.
Frage 4: Hat die Pflege in der
Schweiz eine Zukunft? Und wenn ja: wie und wo?
Ohne Pflege geht es nicht. Die Frage ist: Welche Ansprüche soll Pflege
erfüllen? Professionelle Pflege auf angemessenem Qualitätsniveau hat
eine Zukunft, wenn politische Entscheide gefällt werden, welche die Rahmenbedingungen
für die Ausübung des Berufs verbessern:
- die Verwirklichung einer fundierten
Grundausbildung mit Anschlussmöglichkeit an eine akademische Laufbahn
in der Pflege
- ein Weiterbildungsangebot, welches
reglementierte Abschlüsse ermöglicht und international vergleichbar
ist
- die gesetzliche Verankerung der
eigenständigen Berufsausübung
- attraktive Arbeitsbedingungen
(Zahlenverhältnis Patienten-Pflegende, Spielräume bei der Arbeitsgestaltung,
partnerschaftliche Zusammenarbeit mit anderen usw.)
- Anstellungsbedingungen, die den
Anforderungen der Aufgaben entsprechen und die Gegebenheiten eines Frauenlebens
berücksichtigen
Viele junge Menschen und auch erfahrene
Berufsleute sehen im Pflegeberuf eine sinnvolle und herausfordernde Tätigkeit.
Die Chance, solche Leute zu gewinnen und im Beruf zu behalten, muss genutzt werden.
Wir Pflegenden haben unerkannt viel beizutragen zu einem guten Gesundheitswesen.
Frage 5: Wenn Sie die Gesundheitspolitik
in der Schweiz ansehen: was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Eine grosse Errungenschaft unseres Gesundheitswesens ist, dass alle Bewohnerinnen
und Bewohner dieses Landes eine Krankenversicherung haben. Dank den immer kürzeren
Aufenthaltsdauern in den Institutionen wurde die Spitex ausgebaut, diese Entwicklung
muss weiter gefördert werden. Es gibt gute Angebote der Komplementärmedizin.
Die Motivation der im Gesundheitswesen Tätigen ist gut, es wird engagiert
gearbeitet.
Die Investitionen in Prävention und Gesundheitsförderung sind viel
zu gering. Die ungebrochene Technikgläubigkeit und der Machbarkeitswahn,
kombiniert mit einer starken Lobby der Wirtschaft, lassen die Finanzen in teure
Prestigeprojekte fliessen. Gleichzeitig wird bei den Humanressourcen bis zur
Unmenschlichkeit gespart. Die willkürliche Rationierung von Pflegeleistungen
ist Tatsache. Pflegende haben ein schlechtes Sozialprestige und bekommen nicht
die Anerkennung, welche der Bedeutung ihrer Arbeit für die Gesellschaft
entspricht. Finanzielle Überlegungen beherrschen die Diskussion im Gesundheitswesen.
Hindernd für echte Lösungen ist die Annahme, das Gesundheitswesen
funktioniere wie irgendein Markt. Immer grössere Anteile der früher
staatlich gedeckten Kosten werden den einzelnen Versicherten überwälzt.
Dies geschieht für Laien unbemerkt.
Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen"
(GPI), Nr. 2/2003.
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