GPI Nr. 2/2003

 

 

 

 


 


5 Fragen an Barbara Gassmann, Vize-Präsidentin SBK

Frage 1: Barbara Gassmann, wer sind Sie?
Ich hinterfrage gerne Gegebenes. Am liebsten tue ich das im persönlichen Austausch mit anderen Menschen. Wie funktioniert unser Zusammenleben, was bewirkt ein bestimmtes Verhalten, wo liegen Handlungsspielräume, wie kann eine Situation für alle verbessert werden - das sind Fragen, die mich seit langem beschäftigen. Beruflich bin ich eine diplomierte Pflegefachfrau mit langjähriger Erfahrung in der Pflege und als Pflegeexpertin in der Beratung und Schulung von Pflegenden. Seit einem Jahr bin ich Vizepräsidentin des Schweizer Berufsverbandes der Krankenschwestern und Krankenpfleger (SBK).

Frage 2: Was hat Sie motiviert, diese Aufgaben anzunehmen?
Als Pflegefachfrau lernte ich rasch, wie viele unserer täglichen Handlungen und Entscheidungen in der Pflege politische Dimensionen haben. Damit war mein Interesse für die Berufspolitik geweckt. Später erkannte ich, dass ich individuell zuwenig bewegen kann. Nötig sind politische Weichenstellungen und Öffentlichkeitsarbeit für die Pflege. Dafür setze ich mich gerne ein.

Frage 3: Seit das neue Präsidium die Geschicke des SBK führt, hat Ihr Verband eine höhere Medienpräsenz. Ist dies zufällig oder verbirgt sich dahinter ein selbstbewussteres Auftreten?
Unterschiedliche Gründe führen dazu. Um in den Medien zu erscheinen, muss etwas Spektakuläres geschehen. Dies ist mit den Ereignissen im laufenden Jahr der Fall: Abstimmung über die Gesundheitsinitiative, Nichtbezahlung von verordneten Pflegeleistungen durch die Krankenkassen, Ständeratsbeschluss, nur noch Teile der Kosten an die Pflege in Heimen und Spitex zu leisten, Streichung von Leistungen im Präventionsbereich usw. Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen und die damit verbundenen Kürzungen von Leistungen betreffen einen immer grösseren Teil der Bevölkerung. Damit hat das Thema Pflege eine hohe Brisanz. Diese nutzen wir, um Pflege aus ihrer Selbstverständlichkeit heraus zu heben. Die Pflegenden individuell und als Berufsgruppe haben an Selbstbewusstsein gewonnen. Seit Jahren fördert der SBK mit Kongressen, Weiterbildungsveranstaltungen und Vernehmlassungen die Identität und das Selbstvertrauen der Pflegenden. Dahinter steckt kontinuierliche Aufbauarbeit. Unsere Mitglieder haben vor zwei Jahren bekundet, dass der SBK zu gesundheitspolitischen Themen vermehrt öffentlich Stellung beziehen soll.

Frage 4: Hat die Pflege in der Schweiz eine Zukunft? Und wenn ja: wie und wo?
Ohne Pflege geht es nicht. Die Frage ist: Welche Ansprüche soll Pflege erfüllen? Professionelle Pflege auf angemessenem Qualitätsniveau hat eine Zukunft, wenn politische Entscheide gefällt werden, welche die Rahmenbedingungen für die Ausübung des Berufs verbessern:

  • die Verwirklichung einer fundierten Grundausbildung mit Anschlussmöglichkeit an eine akademische Laufbahn in der Pflege
  • ein Weiterbildungsangebot, welches reglementierte Abschlüsse ermöglicht und international vergleichbar ist
  • die gesetzliche Verankerung der eigenständigen Berufsausübung
  • attraktive Arbeitsbedingungen (Zahlenverhältnis Patienten-Pflegende, Spielräume bei der Arbeitsgestaltung, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit anderen usw.)
  • Anstellungsbedingungen, die den Anforderungen der Aufgaben entsprechen und die Gegebenheiten eines Frauenlebens berücksichtigen
Viele junge Menschen und auch erfahrene Berufsleute sehen im Pflegeberuf eine sinnvolle und herausfordernde Tätigkeit. Die Chance, solche Leute zu gewinnen und im Beruf zu behalten, muss genutzt werden. Wir Pflegenden haben unerkannt viel beizutragen zu einem guten Gesundheitswesen.

Frage 5: Wenn Sie die Gesundheitspolitik in der Schweiz ansehen: was gefällt Ihnen, was missfällt Ihnen?
Eine grosse Errungenschaft unseres Gesundheitswesens ist, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes eine Krankenversicherung haben. Dank den immer kürzeren Aufenthaltsdauern in den Institutionen wurde die Spitex ausgebaut, diese Entwicklung muss weiter gefördert werden. Es gibt gute Angebote der Komplementärmedizin. Die Motivation der im Gesundheitswesen Tätigen ist gut, es wird engagiert gearbeitet.
Die Investitionen in Prävention und Gesundheitsförderung sind viel zu gering. Die ungebrochene Technikgläubigkeit und der Machbarkeitswahn, kombiniert mit einer starken Lobby der Wirtschaft, lassen die Finanzen in teure Prestigeprojekte fliessen. Gleichzeitig wird bei den Humanressourcen bis zur Unmenschlichkeit gespart. Die willkürliche Rationierung von Pflegeleistungen ist Tatsache. Pflegende haben ein schlechtes Sozialprestige und bekommen nicht die Anerkennung, welche der Bedeutung ihrer Arbeit für die Gesellschaft entspricht. Finanzielle Überlegungen beherrschen die Diskussion im Gesundheitswesen. Hindernd für echte Lösungen ist die Annahme, das Gesundheitswesen funktioniere wie irgendein Markt. Immer grössere Anteile der früher staatlich gedeckten Kosten werden den einzelnen Versicherten überwälzt. Dies geschieht für Laien unbemerkt.

Quelle: "Gesundheitspolitische Informationen" (GPI), Nr. 2/2003.